Man kennt das Lied, das die Großmutter sang, ohne den Text zu kennen. Man kennt den Geruch von Tee, der anders gezogen wird als hier. Und man kennt trotzdem den Moment, wenn der erste Schnee fällt und etwas in einem denkt: endlich.
Das ist kein Widerspruch. Aber andere machen einen daraus.
Man hat Kafka gelesen, weil man wollte. Man kennt den Mauerfall, das Wirtschaftswunder, die Nachkriegsjahre. Nicht als Stoff, sondern als Luft. Diese Geschichte ist durch einen hindurchgegangen wie durch jemanden, der dazugehört. Weil man dazugehört.
Und trotzdem.
Trotzdem sieht man in den Spiegel und sieht etwas, das diese Geschichte nicht meint, wenn sie „wir" sagt. Das ist kein Vorwurf. Das ist eine Tatsache, die man irgendwann aufgehört hat, zu erklären.
Kurde ist man, weil die Wurzeln so verlaufen. Weil der Körper eine Richtung kennt, die älter ist als jede Sprache, die man spricht. Weil manchmal ein Wort auf Kurdisch sitzt, wo auf Deutsch nur Stille ist. Das ist nicht weniger wahr. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.
Die ganze Wahrheit passt nirgendwo hin. Sie hat nie gepasst. Das ist das Erste, was man lernen muss. Und das Schwerste.
Dann kommt das Müde werden.
Nicht das Traurige. Das Müde. Die Erschöpfung, die keine Wunde braucht, um zu schmerzen. Nur Wiederholung. Die Frage, die immer wieder kommt. Nicht böse gemeint. Fast nie böse gemeint. Und trotzdem: Was bist du eigentlich? Als hätte man beim letzten Mal keine Antwort gegeben. Als wäre Identität etwas, das man anderen schuldet. Als könnte man nur eines sein, und stehe jetzt, Stift in der Hand, vor einem Formular mit zwei Feldern.
Aber was, wenn das Formular falsch ist?
Nicht weil man sich schämt. Nicht weil man nicht weiß, woher man kommt. Sondern weil man in deutschen Sätzen träumt und diese Sätze trotzdem nicht alles von einem kennen. Weil man kurdische Wurzeln hat und trotzdem nicht jede Erwartung erfüllen muss, die damit kommt. Weil man nicht die Summe zweier Hälften ist.
Man ist eine eigene Zahl.
Ungerade. Nicht teilbar. Keine Zwischenlösung, kein Kompromiss, kein Bindestrich-Mensch. Etwas, für das es noch kein Wort gibt. In keiner der Sprachen, die man spricht. Vielleicht kommt das Wort noch. Vielleicht baut man es selbst, aus dem, was man hat: dem Lied ohne Text, dem ersten Schnee, dem Tee, dem Spiegel, der Müdigkeit, dem Trotzdem.
Das sagt sich leicht.
Es zu glauben dauert ein Leben. Aber man hat ja eines.

