
Der Taxifahrer
Man hat den Führerschein seit ein paar Monaten. Seitdem schrumpft der eigene Tag. Bis sie etwas sagt.
Man hat den Führerschein seit ein paar Monaten. Das weiß man. Die Familie weiß es auch.
Seitdem sitzt man öfter am Steuer, als man erwartet hätte. Einkaufen, Arzttermin, noch ein Laden, noch einer. Man fährt. Man wartet im Auto. Man fährt wieder. Der Tag, der eigene Tag, schrumpft zusammen, und irgendwo im Hinterkopf denkt man: Schon wieder.
Man denkt es nicht laut. Man sagt es nicht. Aber man denkt es, und das reicht, damit es da ist.
Ein Nachmittag in Kiel. Sechs, sieben Läden. Dann noch die Kleinstadt, weil das jetzt geht, weil man jetzt ein Auto hat. Die Mutter sitzt auf dem Beifahrersitz. Die Tüten liegen hinten und rutschen bei jeder Kurve ein Stück. Man fährt nach Hause, und irgendwo im Kopf zählt man, was der Tag gekostet hat.
Dann sagt sie es. Nicht zu einem. Aus dem Fenster, beiläufig, als wäre ihr gerade etwas eingefallen:
Ach. All diese Jahre bin ich diesen Weg alleine zu Fuß gegangen. Und jetzt fährst du mich.
Kein Vorwurf. Kein Dank. Eine Feststellung. Als würde sie sich selbst erinnern und sich gleichzeitig wundern, dass es jetzt anders ist.
Man antwortet nichts. Man schaut auf die Straße.
Aber das Schon wieder im Kopf, das eben noch so groß war, wird leiser. Und dann noch leiser. Man kennt diesen Weg. Man weiß, wie weit das ist. Man weiß, was Tüten bedeuten, die jemand zu Fuß trägt, bei Regen, bei Wind, jahrelang. Und man hat es vergessen. Oder nicht vergessen. Einfach nicht hingesehen.
So sieht es also aus, wenn man sich beklagt.
Allah hat einem das gegeben. Einen Führerschein. Ein Auto. Beine, die gesund sind. Eine Mutter, die neben einem sitzt und noch da ist. Und man sitzt im Auto und denkt, man hätte Besseres zu tun.
Astaghfirullah.
Hasanat werden nicht verdient. Sie werden angeboten. Allah öffnet eine Tür, und man steht davor und seufzt, weil sie aufgeht.
Das nächste Mal, wenn sie fragt, ob man Zeit hat: Man hat Zeit. Man macht sich die Zeit. Nicht weil man muss. Weil man darf. Weil nicht jeder darf.
Man dreht die Heizung einen Grad höher. Sie schaut aus dem Fenster. Die Tüten rutschen in der Kurve.
Irgendwann wird man sich an genau das erinnern.
In Erinnerung, Mizgin Nerway
